Mit mächtig aufrauschender, aktueller Improvisation: Ensemble Capella Stella und Gäste überzeugten.

Packendes Marienlob von damals und heute mit Vokalensemble Capella Stella.

RANKWEIL. (VN-JU) Die Klarheit, Strenge und Konsequenz, mit der die Reihe der Basilika-Konzerte programmiert wird, ist zum Markenzeichen in unserer Musikszene geworden. Und es gehörte auch eine Portion Mut dazu, so wie jüngst ein Werk wie die „Versi“ des Wiener Organisten Michael Radulescu zu wagen, in dem laut Partitur „die Stimme in der Orgel ersäuft“.

Neben dem bekannten, vor 15 Jahren von Helmut Sonder­egger gegründeten achtköpfigen Vokalensemble Capella Stella erweisen sich die erstmals in diesem Rahmen tätigen Gäste, die Südtiroler Sopranistin Annelies Oberschmied und der Osttiroler Organist Ludwig Lusser, in der Vielfalt und Kompetenz ihrer künstlerischen Möglichkeiten als wertvolle Entdeckungen. Enormes Können ist auch notwendig, um einem Programm gerecht zu werden, das unter dem für den Marienmonat Mai vorweggenommenen Motto „Maria loben – damals und heute“ Alt unvermittelt gegen Neu stellt, Mittelalter gegen Experimentelles, und damit auch die Toleranzbereitschaft des zahlreichen Publikums ganz schön heraus­fordert.

Hildegard von Bingen

Die Mystikerin Hildegard von Bingen (12. Jh.), die seit einigen Jahren Einzug nicht nur in unsere Kochbücher, sondern auch in die Konzertsäle gehalten hat, bildet mit ihrem Hymnus „De Sancta Maria“ den „roten Faden“ des 90-minütigen Programms: am Beginn von Oberschmied aus der nahen Marienkapelle in schlicht berührender Einstimmigkeit gesungen, am Ende von allen Beteiligten auf der Empore und im Altarraum zur Grundlage einer mächtig aufrauschenden aktuellen Improvisation von umwerfender Wirksamkeit hochstilisiert. Zudem hat diese Melodie auch Helmut Sonderegger zu seinem Triptychon „An Maria“ inspiriert, das auf der Grundlage von Bordunklängen mit eng geführten, linear fließenden Stimmen in einer ausgefuchsten polytonalen Harmonik durch sein Ensemble eine eindrucksvolle Uraufführung erfährt. Der Gregorianische Choral als eine der Grundfesten abendländischer Musik erweist sich auch in diesem Programm als willkommenes Bindeglied zwischen den Polen.

Man findet ihn in dem mit Reibungen und schwierigen Intervallen gespickten „Magnificat“ von Arvo Pärt, das „Capella Stella“ ohne Scheu, aber noch etwas zögerlich an den Beginn stellt. Weit kompakter und entspannter, ausgewogen und sicher klingt das Ensemble dann in drei gregorianisch geprägten mehrstimmigen Marienmotetten aus dem „Codex Bamberg“ (13. Jh.). Der Choral „Ave Maris Stella“ bildet in der sogenannten „Alternatim-Praxis“ von Chor und Orgel auch die Basis für farbenreich registrierte frühbarocke Orgelvariationen von Jean Titelouze.

Schon zuvor hat Ludwig Lusser an der prächtigen Pflüger-Orgel mit einer technisch überlegenen, hoch musikalischen und zupackenden Interpretation von Flor Peeters‘ Toccata, Fuge und Hymne über diesen Choral aufhorchen lassen. Annelies Oberschmied demonstriert in Monteverdis „Salve Regina“ die Schönheit ihres eindrucksvollen Soprans und ihre unglaubliche Verzierungstechnik. Ohne Probleme ist sie auch den extremen Höhen und Tiefen der erwähnten aufrüttelnden „Versi“ von Radulescu nach Dante Alighieris „Paradiso“ gewachsen, behauptet sich mit rasender Intensität in Stimmausbrüchen und Steigerungen über flächendeckenden Clustern im Orgel­pleno.  (30.04.2014)